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von Admin
Zeitzeugengespräch mit Mieczyslaw Grochowski
Zeitzeugengespräch mit Mieczyslaw Grochowski
Wir hatten das Glück, dass bei uns in der IGS am 15.04.2026 ein Zeitzeugengespräch stattgefunden hat.
Herr Mieczyslaw Grochowski, geboren am 25. März 1939 in Pommern, heute 87 Jahre alt, wurde mit 4 Jahren in das Internierungs,-und Arbeitslager Lebrechtsdorf-Potulitz verschleppt und war dort mit seiner Mutter und seiner Schwester 2 Jahre inhaftiert.
Begleitet wurde Herr Grochowski an dem Abend in der IGS von einer weiteren Zeitzeugin: Frau Henriette Kretz, die letztes Jahr auch in der IGS von ihrem Leben berichtete. Wir wurden von einem Stück auf der Trompete begrüßt, das Herr Grochowski zum ersten Mal am Grab seines Vaters gespielt hat, das er nach 60 Jahren gefunden hat. Erstaunlich für uns war, wie positiv er trotz der vielen schrecklichen Ereignisse in seiner Kindheit – dem Tod des Vaters, dem andauernden Hunger und den schlimmen hygienischen Verhältnissen während der Lagerzeit, den Ängsten vor der Dunkelheit– geblieben ist. Zeit seines Lebens hat er sich an den Rat seiner „Mutti“ gehalten: Nie zu hassen und nicht in die Vergangenheit zu schauen, sondern immer nach vorne, in die Zukunft.
So kam es auch, dass er eine beeindruckende Berufslaufbahn eingeschlagen hat, die von vielen Zufällen geprägt war: Nach der Ausbildung zum Fahrzeug-Mechatroniker, die er als Klassenbester abschloss, entdeckte und erlernte er das Trompetenspiel. 30 Jahre lang spielte er Trompete im polnischen Marineorchester. Dann heiratete er seine „schöne, blonde Frau“, aber das Schicksal schlug wieder zu: Von den Zwillingen, die seine Frau bekam, überlebte nur das Mädchen. Seine Frau reiste daraufhin nach Amerika aus, ließ die Tochter bei ihm und kam nie wieder zurück. 10 Jahre lang hat er auf sie gewartet, dann fing er als Trompeter im Zirkus Busch/Berlin an. In Hannover lernte er im Zirkus seine 2. Frau kennen, eine deutsche Artistin. Die beiden leben bis heute glücklich zusammen.
Seit seinem Renteneintritt ist er Mitglied im Verein der Zeitzeugen und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Jugendlichen von seinem Leben zu erzählen. 2001 hat er zum ersten Mal mit deutschen Jugendlichen ein Gespräch geführt und kommt seitdem immer wieder an deutsche Schulen. Wir sind darüber sehr froh und so, wie er uns begrüßt hat, hat er uns auch verabschiedet: Mit dem Stück „Die kleine Kneipe in unserer Straße“ von Udo Jürgens auf der Trompete.
Florian Kühnapfel (9c), Jona Roth (9c), Lennart Winkler (9d)
Hass muss man vermeiden. Wir sollen vergeben und nach vorne schauen“
Es geht auf 19 Uhr zu und auf die Integrierte Gesamtschule Kurt Schumacher strömen Mengen von Menschen zu. Der Grund ist ein Mann mit einem komplizierten Namen: Mieczyslaw Grochowksi. Dem im Jahr 1939 geborenen Herrn aus dem ehemaligen Pommern (heute nordwestliches Polen) leuchten die Augen: „Kommen all diese Menschen wegen mir?“ Genau so ist es. Denn Mieczyslaw Grochowskis Geschichte ist die eines Holocaustüberlebenden. Das Bistum Mainz hat dafür seit Jahrzehnten einen eigenen Bereich und organisiert Begegnungen von Überlebenden und Gespräche, vornehmlich mit Jugendgruppen auf dem Jakobsberg. Stephanie Roth betreut diese Gruppe und ist auch am Abend in der IGS dabei.
Mieczyslaw Grochwoski, genannt Mietek, beginnt musikalisch. Er spielt ein Stück auf der Trompete. Seine Erzählung beginnt in seinem Elternhaus. Er selbst ist da vier Jahre alt. Als die Deutschen seine Heimat besetzen, verlangen sie von allen Einwohnern, sich in die sogenannte „Volksliste“ einzutragen. Grochowskis Vater verweigert das. Daraufhin wird die gesamte Familie mit acht Kindern, von denen Mietek das jüngste ist, in das Arbeitslager Lebrechtdorf-Potulice verschleppt. Mietek berichtet davon, wie sie die letzten 10 km laufen mussten und irgendwann ihre Baracke sahen. „Ach Gott“, sagt er nur.
Die Familie wurde im Lager getrennt, der Vater muss schwerste Arbeit leisten, die älteren Brüder kommen an verschiedene andere Orte, die älteren Schwestern kommen auf einen Bauernhof und nur Mietek, seine nächstältere Schwester und die Mutter dürfen überhaupt zusammenbleiben. „Essen, essen, essen. Der Hunger war schlimm.“ Viel Zeit haben auch die kleinen Kinder von vier und fünfeinhalb Jahren nicht mit ihrer Mutter, denn sie kommt in die Schneiderei und muss jeden Tag 12 Stunden nähen. Die Kinder werden tagsüber in den Wald getrieben, wo sie sich selbst überlassen sind und irgendetwas spielen sollen. Einmal im Monat werden sie entlaust. Dazu müssen sie alle Kleider ausziehen und in einen Sack stecken, damit sie desinfiziert werden können. Sie selbst kommen dann unter eine Dusche. „Das warme Wasser dort war sehr angenehm, aber die Nacktheit…“, die war den Menschen, vor allem den Frauen, so peinlich, das könnten wir uns heute gar nicht vorstellen. Besonders hart waren auch die Wanzen. „Ich war der Liebling der Wanzen. Von Kopf bis Fuß war ich zerbissen - immer“, berichtet er.
Es sind noch verschiedene schreckliche Geschichten, die er vom Leben im Lager berichtet. Ein Wendepunkt ist der Tag, an dem die Mutter ein Telegramm erhält: der Vater ist gestorben. Es bleibt unbekannt, was mit ihm geschehen ist. Jahrzehnte später nach dem Tod der Mutter findet Miecszyslaw zufällig das Grab. „Ich habe Sand davon mitgenommen und meiner Mutter auf ihr Grab gestreut. So habe ich sie wieder zusammengebracht“.
1945 endet die Zeit im Lager für die beiden kleinen Kinder. Es dauert eine Zeit, bis die Mutter ebenfalls entlassen wird. Für Mietek ist das eine schwierige Zeit. Er ist immernoch ein kleiner Junge und hat dazu nach einer nicht behandelten Krankheit im Lager eine kaputte Blase, weshalb er einnässt. Seine Cousinen schikanieren ihn deshalb so sehr, dass er sich sogar zurück ins Lager wünscht. „Mein Gott, was habe ich gelitten.“
Und doch ist Mietek Grochowskis Bericht durchweg von Herzenswärme und Dankbarkeit durchzogen. Er beschreibt, wie er später mit der Trompete im Zirkus arbeitet, wie er heiratet, eine Tochter bekommt und die Ehe scheitert. Es ist immer wieder eine Menge Glück dabei und dann auch wieder ein Schicksalsschlag. Er jedoch hält sich immer an das, was seine Mutter gesagt hat, als sie aus dem Lager kam: „Blickt nicht zurück. Schaut nur nach vorn, gestaltet die Zukunft positiv. Ihr dürft nicht hassen. Wir wollen vergeben.“ Diese Haltung ist tief in ihm drin. Selbst wenn er die schlimmsten Geschichten erzählt, hat er Verständnis dafür, wie die anderen gehandelt haben. Er ist trotz größten Ängsten – vor der Dunkelheit, vor dem Einnässen, vor Verlust – in die Welt gezogen und hat sein Leben gemacht. Nach zwei Stunden beendet er seinen Vortrag und spielt nochmal zwei Stücke auf seiner Trompete. Ein Mann, der so freundlich ist, so positiv trotz schlimmsten Erlebnissen in seiner Kindheit – einfach beeindruckend.
Margarete Ruppert

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